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Auf der Reise - ein Bild, ein Text und Lebensphilosophie

Ein Kunstprojekt als Gemeinschaftsaktion vom Schmied, Kirmes und mir. Ich habe ein Luftbild vom See gemacht. Der Schmied hat aus den relevanten Geometrien einen Holzschnitt angefertigt. Dann haben wir beide übereinandergelegt, dann kam Kirmes ins Spiel und hat daraus am Rechner das gemacht, was man hier sehen kann. Und zuguterletzt wurde das ganze noch mit einem Text versehen, den ich über die Gesetze der Natur, den Lauf der Dinge und was wir eventuell daraus als Menschen lernen können, gemacht habe. Man kann ihn ganz klein in der schwarzen Fläche erkennen. Und weil dieses Unikat am Freitag bei einer Vernissage ausgestellt wurde und einige Besucher mich auf genau diesen Text angesprochen haben, darf man ihn hier lesen,,,



Auf der Reise

Es klagt nie. Es fragt nie – nach dem Warum und Wohin. Wenn es sich am Zweig windet, den Launen der Böen ausgeliefert. Hat es das so gewollt? Fast könnte man es meinen, denn seine Form und die Leichtheit laden jeden Windstoß ein, es mitzunehmen, es zu verformen. Es beugt sich einen winzigen Augenblick nur, dann nimmt es wieder den Platz ein, den der Baum, der Ast, der Zweig bestimmt hat. Das Blatt. Keine große Stimme im Chor der Natur und in großer Zahl doch so deutlich das Bild des Waldes prägend.

Dort, wo aus dem Boden heraus Wurzeln enden und als Stamm die Erde betreten, fließt der Bach vorbei. Ein guter Platz. Voller Lebenskraft und fruchtbarer Vielfalt. Dankbar neigt sich der Baum über das Gewässer und schickt beizeiten ein Blatt auf die Reise, übergibt es dem guten alten Freund - dem Bach - nun als ein Teil von sich.
Der Bach – viel älter als der Baum selbst.

„Nimm es mit, so lange du willst und passe gut darauf auf.“ Ein letztes Mal ergibt es sich – nun voll und ganz, tanzt im Spiel der Böen, windet sich – und löst sich von der behütenden Verbindung zu seinem Zweig. Es schlägt Haken, dreht sich, schwebt hin und her und segelt schließlich - leise und kaum beachtet – der Oberfläche des Baches zu, um ohne Zögern und Zweifeln aufs Wasser aufzuspringen und der Bewegung zu folgen. Der Wind, gerade noch mächtig, hat keine Bedeutung mehr, das Wasser übernimmt die Führung. Das Blatt nun, angepasst und harmonisch mit dem Weg des Stroms einhergehend. Der Weg des Baches ist nun auch deiner, Blatt! Wieder die beste aller Optionen, denn in der Urgewalt des sanften Stroms ist kein Widerstand möglich. Klug. Statt sich zu wehren fügt es sich, lässt sich von der Gewalt des Wassers führen und den Weg gehen, den so viele vor ihm schon genommen haben. Ohne Kraft, ohne Anstrengung und ohne zu hinterfragen, ob dieser Weg richtig und gut ist. Nie hat ein Vorgänger jedoch genau diese eine Linie je genommen. Und diese Linie wird wohl gut sein, dafür sorgt der Strom selbst, wie er es ungezählte Jahre schon tat und diese eine Straße schon immer geformt, gehöhlt, mit angenehmer Gewalt vorangetrieben hat.


Wohin geht die Reise? Nur eins ist Gewiss: ins Ungewiss. Wie lange geht die Reise? Wie weit? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: So weit, wie sie sein soll. Warum darüber nachdenken? Das Blatt, der Baum, nicht einmal der Fluss kann daran etwas ändern. Selbst dieser, so mächtig und stark, kann nichts für seinen Lauf. So viele Begleiter hat er jedoch schon getragen. Alle hat er mitgeführt, lange oder kurz, hat sie abgesetzt, irgendwo, wenn ihm danach war. Das Blatt indes muss sich um nichts kümmern. Es wartet. Wartet, bis es auf den Grund sinkt, vollgesogen mit dem Leben des Stromes und endlich dann, wenn ihm die Last des Wassers doch zu viel, die Reise zu wild geworden ist oder sinkt es nicht und ballt sich wohl mit seinesgleichen am Ufer? Dem Bach ist es gleich. Er kennt seine eigene Bestimmung, wer ihn begleitet und wie lange, ist ihm einerlei. Und wenn sich tausend andere Blätter zum Damm verbinden, so folgt auch er klaglos ihrem Willen, sucht sich einen anderen Weg und weiß: Sie können leiten aber nicht aufhalten. So unterschiedlich im Wesen, sind beide gleich klug, denn sie folgen den Gesetzen der Natur und versuchen diesen nicht zu widersprechen, denn das würde alle bald zerstören - den Bach, das Blatt, die Natur selbst.

Ja, so will ich sein – wie das Blatt, voller Vertrauen in das Wasser, das es trägt. Unwissend, wie lange die Reise geht. Ich will mich einfach treiben lassen von der Kraft der Natur, der Wind soll meine Richtung bestimmen, ich will mich formen und drehen wie es die Natur will. Ich will von dem Blatt lernen, das sich nie widersetzt, denn es würde jeden Kampf verlieren. Ich will mit anderen so stark sein, dass ich den Lauf des Baches - der Dinge - beeinflussen kann. Ich will so schwach sein, dass mich die Elemente tragen können. Schneller oder langsamer zu sein, hat keinen Sinn, denn die Kraft habe ich nicht. Ich nehme das Tempo der Elemente an, will in die selbe Richtung schauen wie der Wind und will dem Lauf des Flusses folgen, bis meine Reise zu Ende sein soll.


Christoph Blum

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