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Die Altkleider Lüge

Außen hui, innen pfui
Gestern noch stolz wie Oskar, heute wieder auf dem Boden der Tatsachen. Mit der Aktion, zirka die Hälfte des Kleiderschrankes auszuräumen, kam ich mir a) fleißig, b) samariterhaft c) äußerst milde und d) befreit vor. Heute sieht die Welt ganz anders aus.

Zumindest treffen die Punkte b und c nicht mehr zu. Nachdem ich von der Bereinigung des persönlichen Fundus berichtete, erfuhr ich, dass die Container, die überall am Straßenrand aufgestellt sind, keineswegs zum Zwecke der Wohltätigkeit existieren. Kleiderspenden, die dort landen, gehen nämlich mitnichten komplett gemeinnützigen Zwecken zu.

30 Prozent "gegen" Afrika


Der mit 20 Prozent Marktanteil größte Sammler, das Deutsche Rote Kreuz (DRK), gibt ungefähr sieben Prozent der tragbaren Kleider an Asylbewerber, Arbeits- und Obdachlose weiter. Etwa ein Prozent setzt das DRK in der Katastrophenhilfe ein. Den unsortierten Rest, über 90 Prozent, veräußert es genau wie andere Organisationen zu Niedrigpreisen von 300 bis 400 Euro je Tonne. Mit dem Geld finanziert das DRK Hilfseinsätze und Projekte. Die besten Sachen, acht Prozent der tragbaren Kleider, werden von kommerziellen Altkleidersammlern an Second-Hand-Läden verkauft. Diese erzielen bis zu 5000 Euro pro Tonne. Weitere zehn Prozent fließen nach Osteuropa. 30 Prozent werden für ungefähr 1150 Euro pro Tonne an private Zwischenhändler in Entwicklungsländern abgegeben. Hier deckt sich vor allem die Mittelschicht mit den Altkleidern ein, die zuvor neue und deshalb teurere Ware von einheimischen Herstellern getragen hat. In Kenia, Tansania und Sambia ist der Markt für Neutextilien deshalb fast komplett zusammengebrochen. Zehntausende haben ihre Arbeitsplätze in der Textilindustrie verloren. Die Sammelunternehmen, die die Kleidercontainer leeren, argumentieren, dass die rund eine Millionen Tonnen Altkleider, die in Deutschland jährlich anfallen, überhaupt nicht hier benötigt werden - dass diese Menge nicht zu bewältigen ist. So hat eben jeder seine Erklärungen parat.

Weniger ist mehr


Angesichts dieser genannten Zahlen, sollte man sich überlegen, ob man seine abgelegte Kleidung weiterhin in einen öffentlichen Container wirft. Alternative? In vielen Städten gibt es Kleiderkammern, die rund 2 Millionen Menschen versorgen. Wenn auch hier möglicherweise ein Teil nicht dort ankommt, wo man es gutgläubig vermutet, so handelt es sich hier doch um die wahrscheinlich noch beste Lösung. Die beste? Nein, sicher nicht. Was ist davon zu halten, sich garnicht erst mit einer Überzahlt von Kleider einzudecken? Braucht man wirklich so viel? "Natürlich", bellt die Werbung und kokettiert mit dem Wahn. Siehe Zalando. Kreischende Frauen, modeverrückt und Schuhe-süchtig. Ich brauche nicht 10 Jeans. Ich brauche nicht 20 Pullover (ich habe wahrscheinlich sogar mehr). Und ich bin seit längerem schon für alles dankbar, was ich nicht habe. Eine gute Alternative, wie ich finde.


Ergänzend hierzu ein aktueller Bericht des NDR


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